Raritäten statt Klassiker - Lou Reed bei Tourauftakt gefeiert
Frankfurt/Main (dpa) - Die Klassiker fehlten, aber kaum einer hat sie vermisst: Mit einem Programm aus überwiegend selten gespielten Stücken hat Lou Reed zum Auftakt seiner Deutschlandtour das Publikum in Frankfurt begeistert.
Knapp 2400 Fans feierten den New Yorker Musiker für sein zweistündiges Konzert, das voller Überraschungen steckte. Der frühere Kopf der Kultband Velvet-Underground verzichtete auf Hits wie «Walk on the Wild Side» oder «Satellite of Love». Dafür bewies Reed mit vielen als «schwer oder gar nicht mehr erhältlich» angekündigten Songs seine Klasse als Sänger, Gitarrist, Texter und Komponist. Im perfekt abgestimmten Zusammenspiel mit seinen Musikern Frank Saunders (Bass), Mike Rathke (Gitarre), Tony Smith (Schlagzeug) und Jane Scarpantoni (Cello), die für ihr furioses Solo besondere Jubelstürme erntete, präsentierte er eine große Bandbreite musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten.
Als sich das Publikum nach einigen harten Rockstücken mit jaulenden und kreischenden Gitarren auf einen lautstarken Abend eingestellt hatte, trat der Sänger mit der markanten tiefen Stimme plötzlich auf die Bremse: Der 63-Jährige begeisterte sein Publikum mit poetischen, ruhigen Balladen.
Lou Reed ist immer für Überraschungen gut: Im Laufe seiner mittlerweile vier Jahrzehnte langen Karriere, die mit Gründung der Band Velvet Underground im Umfeld von Andy Warhol begann, hat er immer wieder Stilwechsel vollzogen und Neues ausprobiert. Auf seinen Tourneen in den vergangenen Jahren spielte Reed mal nur neues Material, dann packte er wieder seine Klassiker aus.
Mit einigen Stücken aus dem Album «The Raven», Ergebnis eines Projekts über Edgar Allen Poe am Hamburger Thalia-Theater, zeigte Reed in Frankfurt Sinn für Theatralik, der seinen Höhepunkt in «Vanishing Act» fand. Dieses Stück, vom Künstler als «eines meiner absoluten Lieblingslieder» angekündigt, war in seinem Text vielleicht programmatisch: «Es muss sehr nett sein zu verschwinden, immer nur nach vorne und nie zurückzuschauen.»
Beim Singen der literarisch-inspirierten, oft anspruchsvollen Texte gab Reed, der auf ein bewegtes Leben zurückblicken kann, ein Teleprompter Sicherheit. Die Spuren der Vergangenheit, zu der auch Drogen und eine gemeinsame Wohnung mit den Musikern David Bowie und Iggy Pop Ende der 70er Jahre in Berlin gehören, sind dem 63-Jährigen nur aus der Nähe anzusehen. Aus einigen Stuhlreihen Entfernung wirkt er dagegen frisch und macht eine gute Figur.
Am Ende des außergewöhnlichen und abwechslungsreichen Konzerts sprang das begeisterte Publikum von den Stühlen auf und spendete Reed lang anhaltenden Applaus. Für Begeisterung sorgte aber auch Reeds Auftreten: Der Künstler, der als launisch gilt, zeigte sich in Frankfurt bestens gelaunt. Nach einer ersten halben Stunde sprach er mit Publikum und Band, machte Scherze und verabschiedete sich am Ende mit einem «I love you». Vorher hatte er mit der einzigen Zugabe noch all die glücklich gemacht, die doch auf einen seiner Klassiker gehofft hatten: «Perfect Day» beschloss endgültig den perfekten Konzertabend.